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Neues
aus dem
Verein

Bayer Gemeinschaftstour 2021

huebner | 05. Oktober 2021

Eigentlich sollte ich etwas über die Bayer-Gemeinschaftstour 2021 schreiben, aber dann schrieb ich…

Die Gemeinschaftsodyssee

(jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Ereignissen ist rein zufällig)

Jene Nacht liegt weit in meinem Gedächtnis verborgen und doch erinnere ich mich noch als wäre es gerade geschehen. Dunkel und neblig war die Nacht in Novum Wiedum. Am Hintereingang der Treidelstation (Bootshaus) trat ich in den dunklen Raum, der nach Tauwerk, modernden Segeln und verwurmten Holz, sowie nach den alten Rheinbooten Aaken, Schelchen und Tjaken roch. Im nachfolgenden Raum, der für die Schiffigen, die von Abenteuer umwitterten Schiffersleute am Rhein, gedacht war, vermischten sich die Gerüche der Menschen mit den Dünsten des Bieres, das Schnarchen der Schlafenden und das Lachen der noch Wachen.

Sodann, im hintersten Raum der Treidelstation da waren sie, die Gemeinschaft: Christulf, der junge Recke, der uns alle rief und seine Mutter, die edle Barbagunde; die mit allen Flusswassern gewaschenen Pitt, der Hammer von Ordingen, kurz: Pitt-Hammer und Wolfengang, der Dürre; Petrapunzel von Dormagen und ihr Gatte Joergen, der Bär von Dormagen; die kühne Utelinde, sowie Marionella, die Alquimistin. Ja, auch ich, Georgius der Letste oder Ultimus, Zeuge und Schreiberling dieser Gemeinschaft, nahm Teil an der bevorstehenden Odyssee. Das waren die neun Mutigen, die neun Unbedachten, welche die unglaublichsten Abenteuer erleben sollten. Die gemeinsame Überfahrt war das Ziel. Mit unseren Kaj-Aaken verwachsen, waren wir auf dem Wasser Zentauren des Rheins.

Wie jeder weiß, sind Aaken ein besonderes Flussschiff am Niederrhein. Da gibt es auch verschiedene Sorten von: die Kölschen-Aaken, die Ruhr-Aaken, die Dorstensche-Aaken und, weniger bekannt, die Kaj-Aaken. Letztere, lang und schmal, werden allein von einem (oder zwei) Schiffigen mit viel Kunst auf dem Rhein bedient, bewegt und gesteuert.

Mit Wertschätzung sollen auch benannt werden die guten Fuhrleute: die stille Flordellis und der lachende Estefanus, welche die Gemeinschaft und deren Kaj-Aaken hinter Bergen, Wälder und Seen, an den äussersten Rand brachten, wo das Abenteuer letztendlich begann.

Am nebligen Morgengrauen des nächsten Tages waren wir, die Gemeinschaft, schon mit unseren Kaj-Aaken im Strom des Pater Rhenus. Curtem Weslia, auch Oberwesel genannt, liessen wir links liegen. Der Strom war gewaltig und reißend. Mitten im Strom ragten die sieben Jungfrauen oder Hungersteine empor, dessen Brandung wir gekonnt umfuhren. Am Geisenrücken wurden die Wellen schon Turmhoch und da sahen wir … SIE … auf einem Felsen: die ohne Vergleich wunderschöne LoreLay. Sie kämmte ihre langen blonden Haare über ihre herrlichen Konturen und sang dazu ihre betörenden Lieder. Wir Mannen der Gemeinschaft blieben mit dem Blick und den Sinnen an der Schönen hängen, die Kinnladen klappten nach unten und wir drehten in den Kehrwassern unsre Runden. Herzen, Augen und Hormone spielten verrückt. Die Frauen riefen uns zu, ob wir denn bekloppt seien und uns alle zum Kentern bringen wollten. Alle guten Worte, Rufe, Mahnungen und Drohungen brachten nichts. Letztendlich, in letzter Sekunde, kam die kühne Utelinde auf den rettenden Gedanken: Sie packte einen enormen Schokoladenkuchen aus, blies dessen Duft in die Verwirbelungen über dem Kehrwasser und rief uns zu, der würde am nächsten Kiesstrand hinter St. Goarshausen verteilt werden. Was soll’s, Hormone hin oder her, tschüss schöne LoreLay, Utelindes Schokoladenkuchen hat Priorität.

So fuhr die Gemeinschaft ihre Odyssee voller Abenteuer weiter. Vor Kowelenz stellten sich zwei große Oberländer, die Frachtschiffe am Mittelrhein, vor uns und quer zum Strom. Wollten die Kapitäne, auch Partikuliere genannt, uns kapern und unserem elendigen Ertrinkungstode lustvoll zuschauen? Wir werden es nie wissen, denn es kam ganz anders. Ich fragte erschrocken was denn nun geschehe? Das schallende Gelächter von Christulf, dem jugen Recken, übertönte meine Furcht: „Warte mal bis die Pitt-Hammer sichten“ rief er. Tatsächlich schipperte Pitt, der Hammer von Ordingen etwas schneller geradewegs und mitten auf die Oberländer zu. Sobald sie ihn erkannten… Leute ich kann euch erzählen, dass ich nie ein Frachtschiff, gar zwei, schneller verschwinden sah, die Mosella hinauf; und wenn die nicht gehalten haben, dann rudern die heute noch, die Hosen gestrichen voll. Und wir alle lachten noch bis in den Abend hinein.

Glauben, glaube ich ja nicht an alte Sagen, doch die „Überfahrt von Remagen“ holte uns ein, dass es mir heute noch kalt den Rücken runter läuft. Bei Sinzig verdunkelte sich plötzlich der Himmel mit tiefen schwarzen Wolken und der Wellengang wurde höher. Bei Erpel sanken unsere Kaj-Aaken immer tiefer ins Wasser, dass ich nur noch die Oberkörper der Schiffigen unserer Gemeinschaft über dem Wasser sah. Erst hinter Remagen lichteten sich die Wolken, beruhigten die Wasser und unsere Kaj-Aaken erhoben sich wieder aus dem Wasser. Ich kann es nicht schwören, aber womöglich waren es wieder die unsichtbaren Zwerge von Linz, die uns als kostenlose Überfahrt nach Remagen nutzten.

Und so wie viele Sagen unvollständig erzählt werden, muss ich hier den wahren Geschehnissen Gerechtigkeit tun und mit wenigen Worten berichten, wie der berühmte Siegfried tatsächlich seine Florigunde bekam. Unsere Gemeinschaft landete wenige Zeit nach dem Remagener Abenteuer am Drachenfels, um sich zu recken, zu strecken und hinter den Büschen zu entleeren. Und da saß Siegfried mit hängendem Kopf und wusste nicht wie er die außerordentlichen Gefahren, die vor ihm lagen, bestehen sollte. „Nicht verzagen, die Gemeinschaft fragen“, riet ihm die noble Barbagunde. Gesagt, getan; kurz und sachlich: Pertapunzel von Dormagen erschlug den Löwen mit dem Zopf. Joergen, der Bär von Dormagen, erzwang den sizilianischen Ritter und gab dessen Harnisch und Schild dem erschrockenen Siegfried. Marionella, die Alquimistin verhandelte mit Egwaldus, dem Zwergkönig , dass er und seine tausend wohlbewaffneten Zwerge  sich besser auf unsere Seite schlagen sollten; deren Schatz sollte am Besten auch in unsere Hände wechseln, um dann dem Liebespärchen ein Haus mit Garten in Worms zu kaufen. Derweil kämpfte Wolfengang, der Dürre mit dem Riesen Wolfgrambär, während Pitt-Hammer mit ein paar Fußtritten das Felsenloch öffnete, worinnen sich Florigunde befand. Siegfried und Florigunde umarmten sich, Küsschen, Küsschen, etc. usw. Mit dem Drachen und seiner Brut, die feuerspuckend dahergeflogen kamen, beschäftigte sich Christulf, der Recke. Die kühne Utelinde übernahm die Regie und Orga vom ganzen Spektakel; die edle Barbagunde schaute amüsiert zu und ich lief hin und her, um alles aufzuschreiben und dann der Nachwelt zu erzählen. Leider klaute mir der narzisstische Siegfried meine Kladde und die Sache wurde dann ganz anders erzählt. Aber was soll’s, wir hatten einen Mordsspaß.

Am Abend kehrten wir in die Treidelstation von Hersel, an der Bayerstraße, ein. Willibald, der Wirt, der sofort mit Pitt-Hammer ganz dicke war, machte für unsere Gemeinschaft ein Fass Bier nach dem anderen auf.  Nach den tausend Abenteuern am Drachenfels waren wir durstig wie Fische. Willibalds italienischer Koch und seine flinke Tochter kochten für uns feine Gerichte. Hier will ich auch notarielle Urkunde abgeben, dass in jenem Treidelhaus, die Boote auf persischen Teppichen gestapelt wurden.   

Die Nacht verging auch dieses Mal und des Morgens saßen wir wieder in unseren Kaj-Aaken und fuhren neuen Abenteuern entgegen. Die kühne Utelinde hieß uns an einem Strand kurz halten und besorgte einen edlen schottischen Tropfen für den nächsten Abend. So fuhren wir wohlvergnügt nach Colonia Claudia Ara Agrippinensium, wo am Ufer Notdürftige um Hilfe fuchtelten. Marionella, die Alquimistin paddelte geschwind hin und erzählte uns das Drama: es seien Heinzelmännchen. Genau! Jene Heinzelmännchen, von denen das Gedicht sagt: „Wie war zu Köln es doch vordem – Mit Heinzelmännchen so bequem!“ Des Schneiders Weib hatte ja der guten Zeit ein Ende bereitet, die meisten Heinzelmännchen waren schon… husch, husch, husch… verschwunden, doch fünf waren noch zurück geblieben und wollten nun auch von Colonia weg. Da sie auch mit Kaj-Aaken fuhren, hießen wir die fünf Heinzelmännchen und Heinzelfrauchen mit Freudenjuhei willkommen. Und so wurde die Gemeinschaft größer. Wir fuhren weiter, ließen den Dom in Kölle und erreichten wenig später Wiesdorf, wo das Land der Alquimisten, das Bayer-Leverkusener Gebiet, begann. Dort gesellten sich Pilger des Seligen Gezelinus von Schlebusch zu uns. Ob sie nun das berühmte Heilwasser von der Gezelinus-Quelle oder andere „spirituelle“ Wässerchen getrunken hatten, wussten wir nicht so recht, aber sie waren gut drauf. Mit frommen Liedern, Weihwasser, plaudern ohne Ende und Trara einten sie sich unserer Gemeinschaft, so dass es nun schon mehr denn 20 Kaj-Aaken waren. Die Gemeinschaft wurde größer, bunter, verrückter und lustiger.

An jenem Abend, an der Burg zu Zons nahe Dormagen, feierten wir ein wüstes Gelage. Der Mayor Domus Carsten Petrus, sowie viele andere, bewirteten großzügig die fröhliche Gemeinschaft. Sie ließen Bier ausschenken wie Wasser am Rheinfall fließt; es wurden Spanferkel und Ochsen auf dem Feuer gedreht; Würste aller Art, Hähnchen, Enten, Gänse, Truthähne, Forellen und Lachse wurden aufgetischt; Beilagen, tausend an der Zahl; Käse aus dem Frankenreich; auch Süßes war in Hülle und Fülle da. Der schottische Tropfen der kühnen Utelinde wurde geleert und andere starke Tropfen folgten… Ja, was war das für ein episches Gelage, ein langer Abend, eine lange Nacht!

Und so legten wir am nächsten Tage freudig los und schifferten in großer Gesellschaft weiter. Und da fragte eins der Heinzelmänchen: „Ich hörte, wir sollen an einem Ort vorbei fahren, der Dusseldorf heißt. Wo liegt denn das?“ Da antwortete ein anderes, wohl studiertes Kölner Heinzelmännchen: „Auf dem Weg von Köln nach Uerdingen, dort wo der hohe Fernsehturm, da drunter, da liegt das Dorf der Dussel.“ Historische Tatsache ist allerdings, dass, als unsere fröhliche und bunte Gemeinschaft an der alten und betuchten Stadt vorbeifuhr, sich die Kinder bei unserem Anblick reichlich erfreuten, lachten und Räder schlugen, sodass, seit dem Momente an, der Düsseldorfer Radschläger Symbol jener Stadt ist.     

Und so fuhren wir weiter, all die Boote der Gemeinschaft, wie die Classis Germanica, die römische Rheinflotte, und flößten bei den anderen Schiffigen und Wanderern am Fluss Freude oder Furcht und Schrecken oder all dies zusammen ein.

Im schönen Uerdingen angekommen trennte sich nun die Gemeinschaft mit Umarmungen, Schulterklopfen, Küssen, Pipi in den Augen und Versprechen eines baldigen Wiedersehens.

Und so wie ich es hier geschrieben und berichtet habe, so geschah es auch… oder vielleicht auch ganz anders.

Georgius der Letste, oder Ultimus, Notarius und Schreiberling der Gemeinschaft

Georg Nuño Mayer