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Neues
aus dem
Verein

Masurische Seenplatte – der Süden

huebner | 30. Juli 2021

Die Fahrt startet gegen 5 Uhr früh in Rhein. Rhein, klar, dort startet eigentlich jede Fahrt der SC Bayer 05 Kanuten. Aber in diesem Fall nicht am Rhein (der Fluss), sondern in Rhein, der polnischen Kleinstadt Rhein (Ryn), am Ufer des Rheiner Sees an der Masurischen Seenplatte im Nordosten Polens. Die alte Burg des Deutschen Ordens, heute ein geschmackvoll renoviertes Luxushotel, ragt stolz über das 6.000-Seelen-Städtchen empor. Die touristisch geprägte Hafenanlage lasse ich hinter mir. Der Bug meines vollbepackten Kajaks, ein Lettmann Adria MV, mit dem Namen ÉSERA, zeigt gen SW. Von dort kommt auch der Wind, eine merkbare Brise, die mich daran erinnert, dass ich nicht in einem Stadtpark plantsche. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, Wälder und Weizenfelder umsäumen die Gewässer. Kleine Inseln und Buchten folgen einander. Es ist schon gut eine Karte sichtbar dabei zu haben, da das Schilf die Seeausfahrten und Inseln gut versteckt. Es folgt nach SO der Talter See und nach den ersten 20 km paddel ich durch das hübsche Nikolaiken, dessen Kirchturm schon lange Zeit vorher sichtbar ist.

Segler, ein eher friedfertiges Völkchen, sind Spätaufsteher, werden also bis nach 10 Uhr morgens nicht auf dem Wasser sichtbar. Dann macht es auch Spaß, wenn man das ein oder andere Segelboot überholt und die überraschten Augen und Kommentare der Seglermannschaft sieht. Mein Boot ist bestimmt nicht das schnellste, aber Seekajaks sind wohl nicht häufig in Masuren zu sehen.   

Häufig genug erkenne ich einen kleinen Strand, an dem man eine Pause einlegen kann. Nach dem Nikolaiker See, biege ich Richtung Süden in den Beldahnsee ein, der den Landschaftsschutzpark Masuren durchquert. Dort sehe ich zum Anfassen nah eine Gruppe wilder Heckpferde (Tarpane). Die Wälder werden dichter, die Eichen, Eschen und Kiefern werden höher. „Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen…“ beginnt die Hymne Ostpreußens. In den langen und abwechslungsreichen Beldahnsee mündet die Kruttinna, die wohl schönste Paddelroute von Europas Tieflandflüssen. Am südlichen Ende des Sees, an den Königseichen, wo Friedrich Wilhelm IV. wohl mal eine Pipipause einlegte, komme ich an die Schleuse Guszianka. Den Anweisungen entsprechend positioniere ich mich mittig zwischen den Segelbooten. „Nicht so weit vorne“, warnt mich der Schleusenwart und bittet ein Mädel von einem Segelboot, mir ein Seilende zu reichen, um mich festzuhalten… vielleicht hätte er erwähnen sollen, dass das andere Ende irgendwo festgezurrt sein sollte, denn plötzlich sprudelt das Wasser vor mir in die Schleuse, mein Kajak scheppert unkontrolliert rechts und links gegen die Touri-Yachten und ich ziehe an dem Seil und ziehe und ziehe und habe plötzlich ein langes Seil (mit zwei Enden) auf meinem Kajak liegen. Grins. Die Schleuse geht auf und ich schieße los, erst in den Kleinen und dann in den Großen Guszin See. Im Niedersee lasse ich den eher grauen Ort Rudczanny rechts liegen, mehrere schöne Inseln links von mir und ich paddel und paddel und paddel… Ich halte zu Tagesende an einem Zeltplatz nah dem Forsthaus des polnischen Masuren-Dichters Gałczynski. Eins seiner Gedichte wurde zum Masurenlied: Jutro popłyniemy daleko, jeszcze dalej niż te obłoki… (Morgen fahren wir mit dem Boot weit hinaus, weiter als diese Wolken…). Auf dem Zeltplatz esse und trinke ich mit einer unbekannten polnischen Familie auf Bruderschaft, während der große Sommer-Vollmond sich im flachen See spiegelt.  

Am  nächsten Morgen geht es früh weiter. Der Niedersee zeichnet über 25 Kilometer einen Halbkreis von SW bis NO auf die Landkarte. Ein unglaublich klares Wasser und auch einsam, etwas für Meditationspaddler. Nachdem ich den südlichsten Punkt der Masurischen Seenplatte durchpaddle, endet der Niedersee mit dem Dörfchen Jaschkowen, wo der wunderschöne Verbindungsfluss Wiartelnica auf mich wartet. Natur pur. Plop, plop, plop… tiefklingende Schläge und zwei Kraniche fliegen wenige Meter über mich hinweg, dann auch ein Schwan und der Fluss wird enger und enger und dann ist nur noch Schilf um mich herum. Eine Schwanenfamilie schwimmt vor / von mir weg; ich folge schleichend und tatsächlich führen mich die Vögel bis ans fahrbare Ende des Flusses. Ich steige aus und mit dem Bootswagen geht es am Ort Wiartel über die Strasse in den Großen Wiartel See, der zwar „großer“ heisst, aber in knapp 20 Minuten zu durchqueren ist. Eine der abenteurlichen Sachen in Polen ist, dass Kanuwege nicht beschildert sind und Ein- und Aussetzstellen (die gibt es, aber) frei der Natur belassen sind. Es hat so seinen Reiz, denn dann will ich – der Canua App und meiner Landkarte folgend – über 700 m Waldweg in den Falkensee übersetzen. Aber der Waldweg wird hinter einer Schranke zum überwucherten Pfad, der im Nichts endet. „Nichts“ ist nichts für meinen Dickschädel – auch nicht mit Kajak – , also gehe ich die letzten 100 Meter über Stock und Stein, querliegende Stämme und überwinde einen ca. 20 Meter breiten Streifen morastiges, mit Schilf bewachsenes Ufer. Der hübsche kleine Falkensee und dann 4,5 km nach Johannisburg (Pisz) mit Bootswagen über einen Fahrradweg wandern.  Einsetzen ist dort so ein Ding. Keiner kann mir richtig Auskunft geben. Der Fluss Pisa, wo die südlichen Seen Masurens in das Weichselbecken entwässern, ist im ganzen Stadtbereich schön eingemauert. Also hilft mir ein junger Mann das Kajak irgendwo in den Fluss zu werfen und ich springe von der ca. ein Meter hohen Mauer ins Boot. Nö, bin dabei nicht gekentert (grins). Später sehe ich, dass ein neu gebauter Sporthafen im Norden der Stadt eine Slipanlage hat.  Ich paddel gegen die Strömung in den Rosch oder Warschauer See, wo ich am ersten Campingplatz mein Zelt aufschlage. Der Rosch hat ungefähr die Breite vom Rhein und nach 17 km Ententeichbedingungen und zwei 180 Grad Kurven erreiche ich den Rostker Fluss (Wilkus), der hauptsächlich von Anglern benutzt wird. Ein freundlicher, unendlich beleibter, oben-ohne-Kanute  gurkt mit seinem aufblasbaren Kajak auch in meine Richtung. Man sollte hier schon auf die im Wasser liegenden Stämme und dessen spitzen Äste, die minimal unter der Wasseroberfläche liegen, acht geben. Ein alter Fischer bewundert, dass ich schneller als sein Motorboot fahre.  Dann überquere ich 1,5 km den runden (wie der Name schon sagt) Kesselsee. Der plötzliche Seitenwind (3 Bft) verschafft  mir die hier üblichen kurzen harten Wellen. Im Kesselfluss, mit einer stärker werdenden Strömung, muss ich gen Ende eine Sohlschwelle überwinden. Vorsichtig und mit eingezogenem Steuerskeg geht das auch, trotz unglaubig dreinschauender Fischer. Nach dem kleinen Bialollawker See,  geht es in den Wiska Fluss. Die Fahrrinne ist zwar nur ca. acht Meter breit, aber tief und die Strömung ist stark, vergleichbar mit unsrem Rhein bei MW. An einem Wehr setzte ich um.

Nun wechsele ich die Strömung des Wiska in den dort einmündenden Spirdingsee, dessen Oberfläche sich mir kabbelig und windig zeigt. Der Spirdingsee ist mit 22 km Länge und fast 14 km Breite größer als die Müritz und der größte See Polens; dieser muss, wie die Ostsee, ernst genommen werden. Wind und (kurze, harte, hohe) Wellen sind nicht selten und können so plötzlich auftauchen, wie sich auch ändern. Sowohl in Ufernähe, wie auch mitten auf dem See sind oft große Felsen (Findlinge) knapp unter der Oberfläche anzutreffen. Je nach Wellengang kann ein plötzlicher Aufsetzer dem Rumpf und der Stabilität zu schaffen machen. Ich fahre einen Bogen ONO, OSO und der Wind und die (ca. 75 cm hohen) Wellen kommen von NNW. Endlich was für den Adrenalinspiegel! Aber nach meinem Nordseekurs von letztem Monat ist das locker machbar. Nach sechs Kilometern Spirdingsee erreiche ich die mir empfohlene Insel Wyspa Kępy (Pajęcza), wo ich mit anderen Kanuten mit (meinem) Rum und (deren) Wodka anstoße und dem gelungenen Gesang (Shanty) aus den anliegenden Jollen zuhöre.  

Frühmorgens, während Aiolos, der Windgott, noch schläft, fahre ich die restlichen sieben Kilometer über den Spirdingsee in den Nikolaiker See hinein. Der Kompass erfüllt seine Aufgabe. Die Sonne steht schon hoch oben am Himmel, als ich die Wasserstrasse von Nikolaiken durchfahre. Alle möglichen Wassergefährte sind um die Zeit schon emsig unterwegs. Ein nicht ungefährliches Unterfangen für den Kanuten. Die Polen nehmen es ja bekanntlich mit der Vorfahrt, dem Sicherheitsabstand und der Geschwindigkeit allgemein nicht so eng, weder auf dem Asphalt, noch auf dem Wasser.  Soweit ok. Da überholen mich von rechts und links zwei Motoryachten, beide am Heck mit sonnenbebrillten langbehaarten Blondinden bestückt, die mich anschauen, als ob es zum Frühstück nur die reinste Plörre gab (Mädchen, lach doch mal!). Tja, und dann kommen plötzlich die Bugwellen von hinten und werden unter meinem Kajak zu s***-Kreuzwellen. Also die Hüfte schön locker lassen und Druck auf den Paddel. Ich genieße dann noch Sonne, Wasser, den Talter und den Rheiner See. 

Man soll den Tag nicht vor dem Hafen loben. Nach einer sehr schönen Route von vier Tagen und 140 km durch den Süden der Masurischen Seenplatte, erreiche ich wieder Rhein. Laudato si! Ahoi!

Überblick über die gepaddelte Route

Euer Georg

Georg Nuño Mayer