1

Neues
aus dem
Verein

Schwarmintelligenz

huebner | 15. Oktober 2020

Da saß ich nun nichtsahnend, meine von Christian gegrillte Schweinelende genüsslich mampfend, die vielen lebhaften Stimmen an der abendlichen Bierzeltgarnitur hörend… Ich griff zur Flasche Bolten Alt, setzte an, als sich die Blicke der Leute um mich vielsagend auf mich richteten: „der Neue, das hat Tradition“ sagte wer „genau, der schreibt den Bericht“. Einen Schluck Bier später, also die Zeit die eine wichtige Entscheidung im Leben braucht, sagte ich zu „okay, okay, mache ich“. Und so starre ich nun auf den Bildschirm und meine Finger fangen an zu tippen…

Freitag, 18. September 2020, am frühen Abend entstand in Uerdingen am Rheinufer das kleine Zeltdorf mit ein paar Wohnwagen: die logistische Kommandozentrale der Bayer Gemeinschaftstour 2020. Aus Peters Wohnwagen und Vorzelt hinaus reihten sich in Reih‘ und Glied Tische und Bänke bis fast nach Preußen. Und wer ist Peter? Na ja, Peter… „Peter ist Peter“ wurde mir vielsagend mit Ausdruck, Anerkennung Ober- und Untertönen gesagt. Tja, Kanutenwissen am Niederrhein beinhaltet allemal ein Kapitel „Peter“. Und wenn Du Peter nicht kennst, dann warst Du halt noch nicht am Niederrhein paddeln. 

Szenenwechsel: Samstag morgen am Bootshaus in Dormagen. Emsiges hin und her mit Kanus und Kanuten – Männer und Frauen – mit den freudigen, erwartungsvollen und frischen Blicken der unbeleckten Abenteuerlustigen. Unten am Strand waren 23 Boote, davon vier Zweier. Bei allem Treiben merkten viele, dass Klaus fehlte, der von seiner Mutter Abschied nahm. Das Wetter war gut, der Vater Rhein rief… Ein buntes Kanu nach dem anderen plantschte schon in der Bucht. Und schon legte der Schwarm ab und los. Ein bunter chaotischer Schwarm, mit einer Altersspanne von vielleicht 40 Jahren zwischen Jung und Alt, mit Paddelerfahrung zwischen unter zehn und zehntausende Kilometer, mit hohem oder flachen oder gar keinem Paddelstil, lange Seekajaks bis kurze Freizeitkajaks, ein Zweier ließ sogar volle Pulle Schlagermusik erschallen, alles freute sich, die Sonne schien und zusammen zogen wir los.

Die Rheinufer zogen an uns vorbei: Bäume, Wälder, Wiesen, Deiche,  Flussmündungen, Dörfer, Städte, Industrien, Häfen, verlassene Anlagen, lebendige Promenaden und Brücken aller Art.

Kurz vor dem Neusser Hafen machten wir Mittagspause. Mit einer Minute Stille gedachten wir Horst Schmidt, Kanute bis in die Ewigkeit. Und es ging weiter.

Während wir paddelten begleiteten uns am Himmel Möwen, Kormorane, Enten, Gänse, Schwäne und Reiher; im Wasser wetteiferten Forellen, Barsche, Aale, Hechte und Zander mit unseren Unterschiffen. Am Ufer die bunte Menschheit: Radfahrer, Spaziergänger, nackte Paare, spielende Kinder, biertrinkende quasi-Punker, gar eine Hochzeitsgesellschaft.

So erreichten wir nach 44 Kilometern gegen 16 Uhr das Bootshaus in Uerdingen. Kanus an Land und entspannen. Es wurde Abend. Für das leibliche Wohl war gesorgt: Fleisch und Wurst vom Grill, Bier, Marille, kroatischer Slivovic, Salate und verschiedenes mehr, was die einen und anderen so beisteuerten. Der letzte verließ das Lagerfeuer gegen halb zwei früh. Gute Stimmung.

Der Sonntag begann mit heißem Kaffee, also gut. Die Anstrengung vom Vortag hatte seine Spuren hinterlassen: das „Punkt zehn paddeln wir los“ wurde sehr flexibel genommen. Zehn Einer und drei Zweier legten am zweiten Tag ab; in zwei Gruppen, die aber im Laufe des Morgens wieder zueinander fanden. Halt wie im echten Leben, mal trennt man sich und dann rauft man sich wieder zusammen.

Es wurde ein heißer Tag und Duisburg ist verdammt lang (über 35 Flusskilometer). Die Schifffahrt kennt keinen Sonntag: Rhein-See-Schiffe (600 Frachter aller Sorten tuckern täglich über die deutsch-holländische Rhein-Grenze), Fahrgastschiffe, Fähren, Sportboote, Segelboote, Wasserschutzpolizei, Jet-Skis… Einer (den ich aus datenschutzrechtlichen Gründen hier nicht nennen werde) hatte wohl den größten Spaß, als er sich ein paar mal furchtlos mit seinem Kajak in die (dritte oder vierte) Heckwelle eines  Frachters warf um den Wellengang extremst zu geniessen. Sein Grinsen ging dann den ganzen Tag nicht mehr weg. Achtung lieber Leser und liebe Leserin, die Du noch keine 10.000 Km gepaddelt bist: versuche das nie! Schau zu, wie wir andere es machten und erfreue Dich der gekonnten Verrücktheit der Könnenden.

Mittagspause an der Rheinfähre Walsum-Orsoy. Wir verabschiedeten uns von dreien, die dort abgeholt wurden und fuhren weiter unserem Ziel entgegen.

Und so genossen wir den Rhein, jeder für sich und alle Kanuten und Kanutinnen der Gemeinschaftsfahrt zusammen; mal mehr individuell, mal mehr in der Gruppe. Und das finde ich auch gut und intelligent. Jeder kann so sein wie er ist, Individualität ausleben und mal finden wir wieder zusammen, warten aufeinander – „sammeln“ ertönt der Ruf – und dann leben wir Solidarität. Während der Fahrt näherte sich der eine oder andere erfahrene Kanute und gab mir freundliche Tipps: „Du bist wohl etwas unentspannt“ – „he, wie paddelst Du denn?“ – „verdreh mal nicht das Handgelenk so, das geht kaputt“ – „haste Zuckungen in den Armen? Benutze mal den ganzen Oberkörper!“ , aufrichtige und sehr hilfreiche Anweisungen; keine Sprüche für feinhäutige Befindlichkeiten. So konnte ich über die 99 Km viel lernen. Schwarmintelligenz: genießen, Individualität, Solidarität, lehren und lernen.

Endlich erreichten wir unser Ziel, den Weseler Kanu-Club 1925, wo wir die Boote auf die Fahrzeuge aufluden und noch gemeinsam den erfolgreichen Abschluss der Gemeinschaftsfahrt feierten: die einen mit Bier und Kuchen, die anderen mit Currywurst und Kaffee, jeder nach seinem Geschmack, während die letzte Sommersonne sich auf unserer Haut verabschiedete.

Übrigens lässt sich so eine Fahrt mit allem drum und dran nicht einfach mal so mit Links aus dem Ärmel schütteln. Deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle die sich an der Planung und Umsetzung tatkräftig beteiligt haben. Es war ein Erfolg! Vielen Dank!

Also, liebe Kanutinnen und Kanuten, bis denne, ahoi!

Georg